Sehr geehrte Frau Tetz,
sehr geehrte Synodenmitglieder der evangelischen Kirche im Rheinland, ich möchte mich ausdrücklich für unser Gespräch nach meinem Brief an Sie, Frau Tetz, bedanken. Angesichts der anstehenden Entscheidung auf der Landessynode zur Zukunft der Evangelischen Studierendengemeinden möchte ich die Gelegenheit nutzen, noch einmal meine Sorgen und meine Kritik zum Ausdruck zu bringen. Beide formuliere ich im Wissen um die schwierigen Abwägungsentscheidungen und Entscheidungsprozesse einer Kirche mitten in einer Strukturveränderung. Gerade deshalb ist es mir wichtig, meine Haltung klar zu benennen: Die Entscheidung, die Wohnheime der Evangelischen Studierendengemeinden aufzugeben, weist aus meiner Sicht in die falsche Richtung. Ich bitte Sie daher noch einmal eindrücklich, dies zu überdenken. Zu dieser Bitte komme ich sowohl als Politiker für das Land Nordrhein-Westfalen – und insbesondere für meine Heimatstadt Bonn – als auch als bekennender Protestant und berufendes Mitglied der Kreissynode des Kirchenkreises Bonn. Aus beiden Perspektiven heraus möchte ich drei Gründe noch einmal zu Gehör bringen.
Zunächst möchte ich ganz konkret auf die Frage des Wohnraums aufmerksam machen. Die Wohnheime der Studierendengemeinden befinden sich ausnahmslos in Städten, in denen Wohnraum kaum noch bezahlbar ist: Düsseldorf, Köln, Aachen und Bonn. Der Kampf für bezahlbares Wohnen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für die wir alle Akteure brauchen, die sich dafür einsetzen, dass nicht allein ökonomische Interessen den Wohnungsmarkt beherrschen. Die Politik trägt hier die Hauptverantwortung – und sie hat in den letzten Jahrzehnten offenkundig schwere Fehler gemacht, indem sie sich aus Kostengründen immer weiter aus diesem zentralen Bereich der Daseinsvorsorge zurückgezogen hat. Heute versuchen wir, diese Versäumnisse mit großer Kraftanstrengung zu kompensieren. Dabei leisten soziale Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften und städtische Wohnungsbaugesellschaften einen wichtigen Beitrag – und dennoch kommen wir kaum gegen die weiter steigenden Preise an. Sollte die Kirche nun ihrerseits ihre Wohnheime aufgeben, wäre das ein fatales Signal im Kampf für bezahlbaren Wohnraum. Ich bitte Sie daher ausdrücklich darum, dass die Kirche nicht jene Fehler wiederholt, die der Staat in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat.
Über die Frage des Wohnraums hinaus geht es jedoch um mehr als Quadratmeter und Mieten. Mir ist bewusst, dass es evangelische Studierendengemeinden gibt, die auch ohne Wohnheim funktionieren. Gleichwohl entfaltet die Kombination aus Wohnen und spirituellem Anker eine besondere Kraft für Gemeinschaft. Hier gehen Leben, Studieren und Spiritualität ineinander über, und Kirche wird alltagsnah, hilfreich und positiv erfahrbar. Kirche wird hier Heimat. Ich bin überzeugt: Genau diese Kraft von Kirche wird heute dringender denn je gebraucht. Wir erleben eine zunehmende Einsamkeit – sehr deutlich auch in der jungen Generation und unter Studierenden. Wer neu in eine Stadt zieht, von Seminar zu Seminar hetzt, Kurse online bucht, Noten digital abruft und Vorlesungen überwiegend online verfolgt, kann auch in einer belebten Stadt einsam sein. Einsamkeit ist eine der sozialen Krankheiten unserer Zeit, die auch unter Studierenden um sich greift. Es gibt immer weniger Orte, wo man sich versammeln und organisieren kann. Wohnheime – insbesondere jene, die neben Wohnraum bewusst Gemeinschaft stiften – sind eine dieser Orte. Gäbe es keine evangelischen Studierendenwohnheime, man müsste sie erfinden.
Damit berühre ich schließlich die grundsätzliche Frage nach der Präsenz der Kirche. Die evangelische Kirche ist eine Kirche im Wandel. Ich bedaure sehr, dass die Mitgliederzahlen sinken und dass die evangelische Kirche teilweise unter einem schlechten Image leidet. Die großartige und wichtige Arbeit, die viele engagierte haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende leisten, gerät dabei allzu oft aus dem Blick. Gerade deshalb bin ich überzeugt: In diesen Zeiten braucht es eine starke, alltagsnahe und sichtbare Kirche. Das bedeutet nicht, dass ich mich gegen Wandel oder Strukturveränderungen stelle – im Gegenteil, ich bin beruflich regelmäßig mit solchen Prozessen befasst. Sie sind schwierig, weil man zwischen dem, was einem lieb und teuer ist, und dem, was essenziell ist, unterscheiden muss. Manchmal droht dabei jedoch die Seele einer Institution verloren zu gehen. So scheint es mir hier zu sein. Es gibt nicht viele Kraftzentren unserer Kirche – Orte voller Energie, Lebendigkeit und Aufbruch. Doch bei meinen Besuchen in der ESG und in Gesprächen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern habe ich diese Energie immer wieder gespürt. Nicht zuletzt sind die Wohnheime der ESG’en eine Kontaktmöglichkeit für Kirche mit einer Generation, die Kirche nur noch schwer erreichen kann. Gleichzeitig können sie Modell zukunftsorientierter Gemeinden sein. Ich bin überzeugt: So wie die ESGen die evangelische Kirche brauchen, so braucht die evangelische Kirche die ESGen.
Aus diesen drei Gründen bitte ich Sie, den eingeschlagenen Weg nicht allein deshalb weiterzugehen, weil er vorgezeichnet zu sein scheint. Ich bin sicher, dass ein besserer Weg möglich ist. Denkbar wäre beispielsweise eine Bündelung der Wohnheime in einer anderen kirchennahen Trägerstruktur – etwa in der Diakonie – oder die Entwicklung einer neuen Struktur nach dem Vorbild sozialer Genossenschaften oder städtischer Wohnungsbaugesellschaften. Eine solche Struktur könnte die Wohnheime nicht nur erhalten, sondern perspektivisch sogar ausbauen. Die Wohnheime der ESG sind ein so wertvoller Ankerpunkt im evangelischen und studentischen Leben, dass es aus meiner Sicht geboten ist, einen anderen Weg erneut zu prüfen – gegebenenfalls auch mit externer Beratung durch Expertinnen und Experten aus den Bereichen Wohnen, Bauen und Vermietung. Wenn ich dabei helfen oder unterstützen kann, bin ich dazu selbstverständlich bereit.
Mit freundlichen Grüßen,
Tim Achtermeyer